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Das Eckige muss in das Runde (Nachtrag)

Nur um es vorab klarzustellen: ich habe mich nicht mit der Überschrift vertan und außerdem geht es hier nicht um Fußball. Immerhin ist heute Heiligabend und selbst da macht das runde Leder Pause.

Heute geht es um Tradition. Eine Tradition aus meiner Familie.

Gestern Abend hatte mein jüngerer Bruder die Idee: wir reaktivieren den alten Weihnachtsbaumständer! Was ist nun daran besonders? Nun, zum einen ist er ziemlich alt. Wir schätzen um die hundert Jahre (wie er in unsere Familie kam ist eine andere Geschichte). Zum anderen hat er nicht nur eine Spieluhr, die eine wunderschöne – aber keinem uns bekannten Weihnachtslied zuzuordnende – Melodie spielt, sondern lässt den Baum auch langsam um seine eigene Achse drehen (was sehr schön aussieht und nicht ganz ungefährlich ist, gehören doch laut Tradition echte Kerzen an den Baum). Das ist auch leider der Haken an der ganzen Geschichte: der Baum muss zum einen sehr gerade sein und die Baumachse muss mit der Achse des Drehwerkes übereinstimmen, damit der Baum sich auch drehen kann. Die Feder ist schon alt, nie ersetzt und mag nicht mehr jeden Baum drehen. Aus diesem Grunde haben wir es auch die letzten Jahre dabei belassen und den Baum in einen festen Baumständer gestellt; aber die Spieluhr steht immer daneben und wird auch wegen der Melodie jedes Jahr gespielt.

Nun ging es aber darum, den Baum wieder zum Kreisen zu bringen. Also ging es raus – Säge, Feile, Hammer zur Hand. Dazu noch Lineal, Zirkel und Stift. Immerhin war es das erste Mal, dass unsere Generation diese Aufgabe übernommen hat; da muss man auf alles vorbereitet sein. Während also die anderen Familienangehörigen im Wohnzimmer saßen und plauderten, gingen wir an die Arbeit. Das heißt: ich hielt den Baum und ließ meinen Bruder sägen. Nachdem die Vorleistung mit Lineal und Zirkel gemacht war, musste der deutlich dickere Baumstumpf auf einen Durchmesser von 3,7 cm gebracht werden. Schnell – meinem Bruder sei Dank – waren die ersten Schnitte getan und der nun vieleckige Stumpf musste für den runden Aufsatz (!) angepasst werden. Hier tauschten wir die Rollen: er hielt, ich feilte. Letztendlich hatten wir einen perfekten zylindrischen Körper aus dem Baumende gezaubert, der mit ein paar (Gummi)Hammerschlägen gut auf den Aufsatz passt und fest sitzt. Ein erster Test zeigt uns, dass wir wohl einen Knick in der Optik haben müssen, denn die Baumspitze kreist noch um einen mindestens 5-Euro-Stück-(wenn es das geben würde)-großen Kreis. Also wieder runter mit dem gusseisernen Stück. Ein paar Streichhölzer geholt, die als Kleinstkeile herhalten müssen, und ein neuer Versuch wird gestartet. Jetzt dreht es sich perfekt. Die Baumspitze bewegt sich keinen Millimeter von der Stelle. Ok, runter vom Ständer und rein in die gute Stube. Drinnen angekommen und aufgebaut zeigt sich die Tücke des Objektes. Der Baum steckt schief, so schief, dass die ersten klugen Sprüche nicht auf sich warten lassen (war ja klar). Also, nicht entmutigen lassen. Wieder runter mit dem Ding. Die Hölzer werden neu positioniert und der Baum neu aufgeschlagen.

Das Spiel wiederholt sich. Zweimal.

Wir haben einen irren Respekt vor unserer Großmutter, die ihre beiden Töchter alleine aufziehen musste und – nachdem die kleinen Racker endlich selig schlummerten – abends nach einem bestimmt anstrengenden Tag in den Keller stieg, um alleine den Baum für den Weihnachtsständer vorzubereiten. Uns ist keine Weihnacht bekannt, an dem der Baum nicht unter ihrer Obhut kreiste. Wir sind stolz auf unsere Oma. Sie kannte die Tricks. Die muss es doch geben, himmelherrgottnochmal.

Nun stehen wir vor unserem Werk. Der Baum steht etwas gerader, aber nicht gerade genug. Haben wir für dieses Jahr versagt? Kommen die Kinder meines Bruders dieses Jahr nicht in den Genuss eines mit Kerzen bestückten, kreisenden Weihnachtsbaumes (ein Hochgenuss – muss ich mich da wiederholen?)?

Meine Frau und ich müssen los – es gilt ja noch die Geschenke einzupacken – und wir einigen uns darauf, den Baum so im Ständer zu drehen, dass er immerhin von vorne gerade aussieht. Die Spieluhr kann auch laufen, ohne dass der Baum sich dreht. Als ich meine Jacke angezogen habe und mich verabschieden will, steht mein Vater mit meinem Bruder vor dem Baum. Keine halben Sachen, sagen sie. Na dann: ich freue mich auf heute Abend.

Euch allen ein frohes Weihnachtsfest!

NACHTRAG, 25.12.2007:

Um es nicht unnötig spannend zu machen: der Baum steht wie ein Eins. Und er dreht sich! Wie in Kindertagen. Halleluja!

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bereits 1 Kommentar

  1. Gunnar sagt:

    Ein Weihnachtswunder

    … tatsächlich dreht er sich trotz ausgeleierter Feder recht stabil und dabei hatten wir den Baum dann doch Abends eigentlich aufgegeben und so gestellt, dass er von vorne betrachtet gerade aussah.

    Nachdem Ingo uns mit unserem Baumprojekt zurückgelassen hatte, hatten wir noch einen Metallkeil zu den Streichhölzern geschlagen um dem Baum den richtigen Drall zu geben und tatsächlich wirkte er auf der Terrasse sehr gerade.
    Im Wohnzimmer war es dann leider wieder das gleiche Spiel und der Stamm neigte sich im Ständer doch wieder deutlich zur Seite. Irgendwann muss man sich dann wohl geschlagen geben und so diskutierten wir noch eine Weile über die Ursache des Problems und frei nach dem Motto: „Wenn der Bauer nicht schwimmen kann…“, waren wir uns schnell einig, dass man wohl den Weihnachtsbaumständer einmal nachsehen lassen müsste. Nach vielem hin und her und:“Wer macht sowas denn heute noch?“, hatten wir den Baum dann also so gedreht, dass er von vorne betrachtet halbwegs gerade aussah und am nächsten Morgen wurde dann geschmückt.

    Und als wir dann am Abend, am Heiligabend, zusammen saßen, da wirkte der Baum so schön gerade, dass wir dann doch mal meinten es doch zumindest mal ausprobieren zu müssen und die Baumspitze schien sich überhaupt nicht zu bewegen. Der Baum stand auf einer perfekten Mittelachse. Tja und das war unser Weihnachtswunder.

    Natürlich wurden diverse Erklärungsansätze diskutiert, die aber hier nicht preisgegeben werden sollen.

    Vielleicht hat ja jemand eine Idee?!

    Für Kommentare und Erklärungen jeder Art sind wir sehr dankbar, denn eins ist wohl sicher. Jetzt wo die Enkel, um derentwillen wir das alles auf uns genommen haben, diese Erinnerung mit uns teilen, erwarten sie natürlich jedes Jahr wieder den „tanzenden und singenden Weihnachtsbaum“

    Der Bruder

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